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 Betreff des Beitrags: Kurzgeschichten
BeitragVerfasst: 27. Oktober 2008, 22:26:26 
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Nachtwind

Bilder zogen an ihm vorbei.
Wild und zusammenhanglos.
Einige Bilder kamen ihm bekannt und vertraut vor. Andere dachte er noch nie gesehen zu haben. Langsam bildeten sie einen Sinn, reihten sich aneinander, formten Szenen und Geschichten.
Anfangs war er verwirrt, aber dann begann er sich zu erinnern.
Es war immer so. Immer …bevor…ja bevor wieder dieses Gefühl da war…
Instinktiv verspannte er sich in Erwartung dieses unschönen Gefühls.
Es war wie ein ziehen, welches aus seinem Innersten zu stammen schien.
Dieses Gefühl war ihm vertraut. Früher hatte er dagegen angekämpft. Es riss ihn fort aus seinem Frieden und den Bildern. Es zog ihn immer weiter und weiter an eine Oberfläche die sich mehr und mehr mit Bewusstsein füllte. Er wusste dass es keinen Sinn machte dagegen anzukämpfen. Es dauerte so lang wie es dauerte. Sekunden…, Minuten…, Jahre… Zeit spielte dabei keine Rolle. Und obwohl er von zeitlicher Wahrnehmung gelöst war, spürte er dass dieser eine Zeitpunkt jeden Moment gekommen war. Gleich… Wie aus dem Wasser hervor stiess er einer Oberfläche entgegen die ihn bereits erwartete.
Und da – plötzlich durchzuckte es ihn! Wie ein elektrisierter Donnerschlag am Nachthimmel erwachte das Leben und mit unbändiger Kraft! Presste sein Herz einem Befreihungsschlag gleich das Leben in den letzten Winkel seines Körpers! Die Haut spannte und schien zu zerreissen. Doch er fühlte keinen Schmerz. Er spannte die Muskeln an, fühlte festen Boden, drückte sich davon ab und riss die Arme in die Luft.
Mit tiefem Schrei rief er alle Emotionen, Bilder und die Anspannung hinaus! Teile von Steinen oder Staub flogen umher und versprengten sich am Boden und in der Luft. Tief, sehr tief sog er die Luft in seine Lungen und war….am Leben!

Wie ein Schleier aus einem anderen Leben zogen noch Fragmente von Bildern durch seinen Kopf. Er konnte sie nicht einordnen und nach wenigen Sekunden verblassten sie wie Reste eines Traums im Nichts.
In sich gekehrt blickte er zum Licht des Horizonts. Dieses seltsame Bild faszinierte ihn jedesmal wenn er erwachte. Er wusste nicht was es war, woher es kam und wohin es ging. Er wusste nur dass es noch wenige Sekunden nach seinem Erwachen nachleuchtete und verhieß ihm eine Botschaft wie aus einer anderen Welt.

Nacht umhüllte ihn bald vollständig. Die Umgebung zog nun seine Aufmerksamkeit auf sich. Interessiert sog er die Luft durch die Nase. Da waren Spuren von Wild, feuchtem Gras und Wasser. Und…etwas anderes…Rauch! Er hatte soetwas schon einmal gerochen. Vor vielen Jahren in einer Gewitternacht hat es im Wald eingeschlagen und gebrannt. Es war so….unglaublich schön! Orange, gelbe und rote Farben zogen wie Schlieren durch das Gehölz. Es war warm und roch nach geräuchertem Holz. Er hatte das Schauspiel die ganze Nacht beobachtet und spürte eine Sehnsucht zu den Flammen zu fliegen und darin einzutauchen. Aber er war klug genug gewesen respektvollen Abstand zu der Hitze zu halten. Sie verursachte Schmerzen auf der Haut und beim atmen wenn man zu dicht heran kam.
In der nächsten Nacht war nur noch etwas orange glühendes Holz übrig und das Gehölz war schwarzer-grauer Asche gewichen.

Die Nacht war hell und der Mond fast voll. Er mochte diese Nächte. Die Wärme und die Kraft seines Schlafes ließen ihn lustvoll die Schwingen spreitzen und mit einem gewaltigen Satz stürzte er sich von der Klippe auf der er geruht hatte. Der Wind zog scharf an seiner Haut vorbei. Der Wind war kühl wenn er so schnell zu Boden stürzte. Auf halber Strecke spannte er seine Schwingen voll auf spürte wie der Wind ihn mit Kraft darunter glitt und den Fall abbremste.
Instinktiv suchte er die Aufwinde der warmen Erde, die in Richtung Himmel aufstiegen. Auf ihren Strömen ließ er sich gleiten und überflog das Tal und den Wald.
Sanft streichelte der Wind nun seine Haut umfloss die Schwingen vollständig. Er benötigte nur wenig Kraft um sich in der Luft zu halten. Er hatte diese Flugmanöver nie gelernt. Er wusste einfach wie er sich in den Wind legen oder seine Schwingen spreitzen musste, um dorthin zu gleiten wohin er wollte.

Der Geruch von Rauch wurde stärker.
Langsam näherte er sich dem See. Manchmal lief er am Ufer durch das kühle und klare Wasser und beobachtete die Fische die knapp unter der Oberfläche nach Insekten suchten. An anderen Tagen erfreute er sich nur am Glitzern der Oberfläche. So wie heute.

Das Gras am Ufer war auch sehr saftig und des Nachts tummelten sich dort des öfteren Kaninchen. Er mochte Kaninchen. Sie hatten ein schönes weiches Fell und schmeckten zart.
Wenn der Mond nicht allzusehr schien glitt er auch hin und wieder über den glatten Spiegel des Sees. Manchmal gelang es ihm dann einen mutigen Fisch zu fangen welcher zu nahe an der Oberfläche schwamm. Heute würde er jedoch kein Glück haben, denn sein Mondschatten den er auf die Oberfläche warf, würde ihn zu früh verraten.
Also hielt er Ausschau nach Kaninchen. Lange musste er nicht suchen. Bald hatte er die ersten Ohren im Gras entdeckt.

Langsam zog er die Schwingen näher an den Körper. Der Auftrieb des Windes ließ nach und er verlor an Höhe. Nach einigen Umkreisungen des Unterholzes war er tief genug gesunken um zur Jagd anzusetzen.

Er spannte die Muskeln und spürte die innere Aufregung. Es bedufte etwas Übung die Schwingen trotz Körperspannung nicht zu verspannen, denn dann würde er zu Boden stürzen. Aber das war ihm schon lange nicht mehr passiert.
Fast lautlos zog er seine Kreise und entdeckte drei Kaninchen etwas weiter vom Unterholz entfernt im Gras sitzen. Er spähte eines als lohnenswert aus und begann den Beuteanflug. Wenn er Glück hatte würde er genau auf dem Kaninchen zu Boden gehen. Er genoß den Kitzel des Adrenalins.
Doch das Glück war ihm nicht hold in dieser Nacht. Sein Schatten flog ihm zu weit voraus und kündigte seinem Opfer die sich nahende Gefahr an.
Mit einem schnellen Haken setzte es davon und seine Klauen griffen ins Leere.
Mit einem übellaunigen Knurren wechselte er die Richtung sobald seine Füße den Boden berührten. Nun hieß es schnell sein und den Vorteil des überraschenden Angriffs nicht verstreichen zu lassen. Auf allen Vieren setzte er der fliehenden Beute nach. Seine Muskeln arbeiteten kraftvoll und lenkten jede seiner Bewegungen präzise in die gewünschte Richtung. Er folgte nicht jedem Haken den das Kaninchen schlug, denn die Erfahrung sagte ihm dass dies nur Täuschungen waren.

Er war schnell. Und effizient. Aber der Abstand zum Kaninchen wollte nicht schrumpfen. Schon raste es auf das sich nähernde Unterholz zu. Wenn es dort untertauchte, würde er es nicht wieder sehen. Ärger machte sich in ihm breit und seine Augen glühten während er laut seinen Unmut in die Nacht hinaus brüllte. Nocheinmal mobilisierte er seine Reserven und erhöhte die Geschwindigkeit.
Vergebens.
Sein vermeindliches Opfer hatte das Unterholz erreicht und war verschwunden. Abruppt musste er abbremsen. Moos und Äste flogen umher als er zum Stillstand kam.
Wütend schnaupte er dem glücklichen Kaninchen nach. Staub stieg um ihn herum auf. Die hellblau glühenden Augen durchzogen den Staub wie das Spiel einer irrealen Flamme. Seine Schweifspitze tänzelte noch vor Anspannung umher.
Welch furchterregendes Abbild eines dämonischen Untiers musst er in diesem Moment abgeben.
Doch von all diesen Dingen wusste er nichts. Missmutig wand er sich ab und trottete Richtung Ufer des Sees. Auf dem Weg putzte er sich noch ein paar Moos und Farnreste aus den Hörnern seiner Stirn.

Links des Ufers wuchsen saftige Beeren. Seine Alternative wenn die Jagderfolge ausblieben. In dieser Nacht brauchte er es nicht mehr versuchen. Die Kaninchen waren gewarnt.
Lange blickte er in sein Spiegelbild. Die süssen Beeren stimmten ihn wieder versöhnlich und er begann seinen Ärger zu verlieren.
Langsam ließ er die Stiele der Beeren ins Wasser fallen und beobachtete die kleinen Wellen die größere Kreise um sein Gesicht zogen.

Die Landschaft war in silbernes grau gehüllt und reflektierte das Licht in allen Spielebenen. Fast so wie Schnee….

Er dachte an das Feuer von einst. Selten hatte er Farben gesehen. Die Nacht war kein gnädiger Gönner von Licht und Farben. Und obwohl sie sein Element war, hatte er das Gefühl das sie ihn um etwas betrog.

Seufzend wandte er sich vom Ufer ab. Er kletterte auf einen steilen Hügel und stieß sich davon ab. Kurz vor dem Boden stabilisierte sich sein Fall und er wurde von einem Aufwind erfasst. Schnell gewann er an Höhe und flog ein paar Schrauben.

Seine Laune besserte sich mit jedem Manöver das er vollführte. Der seichte Wind umschmeichelte ihn und er ließ sich von ihm treiben. Der Wind war sein Freund. Er fühlte sich den Strömungen verbunden und genoß ihre komplexen Richtungswechsel und Spiele. Der Wind und er bildeten eine Allianz. Eine Einheit. Er fühlte dass es sein Wesen war frei zu sein. Den Wind zu nutzen - wie um ihm damit eine Freude zu machen, auf ihm zu gleiten. Eine Symbiose aus Freiheit unf Kraft.
Er lächelte und spreitzte die Krallen seiner Klaue. Er spürte wie der Wind durch die Krallen glitt und Verwirbelungen an seinen Klauen bildete.

Es gab nichts was all dies in Frage stellte. Er war zufrieden und sein innerer Frieden aus dem er so unendlich viel Kraft schöpfte stellte sich wieder ein. Und obwohl er keinen Namen für sich hatte wusste er dass er ein in sich geschlossenes Wesen bildete. Das Wesen eines Gargoyles.

Die Nacht neigte sich ihrem Ende und er spürte wie kalt sein Körper geworden war. Langsam lenkte er seinen Flug zu seiner Ruhestätte.
Mit einer eleganten Bewegung setzter er die kräftigen Füße auf den Boden und lief ohne anzuhalten auf seinen Vorsprung zu.
Langsam kündigte sich der am Horizont täglich wiederkehrende Streifen aus Licht an. Blutrot tauchte er die Welt in seine Farben und reflektierte sich in seinen Augen.
In wenigen Sekunden würde er wieder eintauchen in etwas was ewiger und dunkler als die Nacht war. Er spürte wie sich die Glieder versteiften. Die Haut spannte und wurde hart. In einer letzten Bewegung streckte er seinen Körper und öffnete den Mund wie zum Schrei in Richtung des blutroten Lichts. Dann wurde es langsam dunkel um ihn.

Sanft umrahmten ihn wieder die Bilder, spielten Szenen und Geschichten und trugen ihn fort aus der Welt in der er eben noch war.
Fast wie ein Geist lag ihm noch der Geruch von Rauch in der Nase.
Sein Herz schlug langsam und verstummte schließlich.
Seine Gedanken verloren sich in Bildern.
Wild und zusammenhanglos.

Und bevor das Leben aus ihm wich, fühlte er noch etwas Nachtwind um sich, der ihn sanft liebkoste...



---ENDE---

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 Betreff des Beitrags: Re: Kurzgeschichten
BeitragVerfasst: 03. Januar 2009, 11:45:08 
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selbstgeschrieben?


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 Betreff des Beitrags: Re: Kurzgeschichten
BeitragVerfasst: 03. Januar 2009, 20:33:39 
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O.o Naja, zählt der PC als Medium? :D

Klar, wie denn sonst? :)

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 Betreff des Beitrags: Re: Kurzgeschichten
BeitragVerfasst: 04. Januar 2009, 00:15:59 
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Wollt nur wissen, den ich find die geschichte.. bzw.. "den tag eines gargs" wirklich SEHR schön beschrieben :)


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 Betreff des Beitrags: Re: Kurzgeschichten
BeitragVerfasst: 04. Januar 2009, 19:28:17 
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Vielen Dank :)

Die habe ich mal abends um halb 11 geschrieben. Spontan aus einer Laune heraus *g*
Ich überlege öfter mal was ein realer Garg wohl fühlen und wie er die Welt sehen würde^^

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 Betreff des Beitrags: Re: Kurzgeschichten
BeitragVerfasst: 04. Januar 2009, 22:05:46 
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is dir hier auf jedenfall sehr gut gelungen :)


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